Die lange zitierte Zahl von „2 %"
Zur Häufigkeit der entwicklungsbedingten Prosopagnosie gibt es seit Längerem mehrere Studien, und häufig wurde dabei ein Wert von etwa 2 % angeführt. Das ist keineswegs ein kleiner Anteil; weil die Prosopagnosie selbst jedoch wenig bekannt ist, haftete ihr dennoch der Eindruck einer „seltenen Erkrankung" an.
Solche Schätzungen können sich je nach Zahl der Untersuchten, je nach untersuchter Region und je nach Methode verändern, mit der Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung gemessen werden. Mit wachsender Forschungslage werden Häufigkeitsschätzungen daher immer wieder überprüft.
DeGutis et al. (2023) nennen 3 %
Eine 2023 in der Fachzeitschrift Cortex veröffentlichte Studie von DeGutis und Kolleginnen und Kollegen schätzte auf Grundlage der Daten einer groß angelegten Online-Erhebung, dass etwa 3 % der Menschen eine entwicklungsbedingte Prosopagnosie haben – rein rechnerisch also etwa 1 von 33. Das liegt etwas höher als die zuvor häufig zitierten 2 %.
Dieser Unterschied bedeutet nicht, dass die Prosopagnosie plötzlich häufiger geworden wäre. Näher liegt es, ihn als aktualisierte Schätzung zu verstehen, die sich aus Unterschieden in der Erhebungsmethode und in der Frage ergibt, wo die Grenze für das gezogen wird, was als „Prosopagnosie" gilt. In gewisser Weise ist mit dem Fortschritt der Forschung ein genaueres Bild entstanden.
Ein Spektrum, kein Entweder-oder
Wichtig beim Nachdenken über die Häufigkeit ist, dass die Fähigkeit zur Gesichtserkennung sich nicht in ein schlichtes Ja oder Nein aufteilen lässt: Sie gilt als kontinuierlich verteilt, als Spektrum. Die meisten Menschen liegen irgendwo in der Mitte; am einen Ende stehen die sogenannten „Super-Recognizer", die darin außergewöhnlich gut sind, am anderen Ende Menschen, deren Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern so ausgeprägt sind, dass sie den Alltag beeinträchtigen.
Die Zahl „3 %" versteht man daher am besten nicht als Anteil derjenigen, die klar innerhalb einer festen Grenze liegen, sondern als Anhaltspunkt dafür, wie viele Menschen unter einem bestimmten Schwellenwert als deutlich beeinträchtigt eingestuft werden. Zieht man die Grenze anders, verschiebt sich auch der Prozentwert.
Gerade weil es häufig ist, fällt es kaum auf
Ein Anteil von 1 von 33 bedeutet, dass es nicht ungewöhnlich wäre, in einer durchschnittlichen Schulklasse oder an einem Arbeitsplatz mehr als eine betroffene Person zu finden. Und doch ist der Begriff selbst wenig bekannt, sodass viele Menschen schlicht annehmen, sie könnten sich „einfach schlechter als andere Personen merken", und ihr Umfeld nie darauf ansprechen.
Die verhältnismäßig hohe Häufigkeit zeigt, dass Prosopagnosie kein Thema einiger weniger besonderer Menschen ist, sondern in unterschiedlichem Ausmaß viele betreffen kann. Statt sich selbst oder nahestehende Personen allein anhand von Zahlen einzuordnen, hilft es beim Verständnis mehr, konkret nachzuvollziehen, welche Alltagssituationen tatsächlich Schwierigkeiten bereiten.
Quellen und weiterführende Literatur
Die unten aufgeführten Autorinnen, Autoren und Organisationen werden als Quellen für diesen Inhalt angeführt. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Artikel geprüft oder befürwortet haben.
- 01DeGutis et al. (2023) — What is the prevalence of developmental prosopagnosia? (Cortex)
Die Originalarbeit, die die Häufigkeit der entwicklungsbedingten Prosopagnosie bei gelockerten diagnostischen Kriterien auf etwa 3 % schätzt (0,93 % schwer + 2,15 % leicht); die Schätzwerte schwanken je nach Festlegung des Schwellenwerts.
- 02Faceblind.org — About prosopagnosia
Ein Portal, das die Prävalenzforschung und das Spektrumkonzept zur Prosopagnosie vorstellt.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Die vollständige Literaturliste der gesamten Website finden Sie auf der Literaturseite.