Entwicklungsbedingte Prosopagnosie innerhalb von Familien
Die entwicklungsbedingte Prosopagnosie ist ein Zustand, bei dem es Betroffenen seit der frühen Kindheit schwerfällt, Gesichter zu erkennen, ohne dass ein klares auslösendes Ereignis wie ein Schlaganfall oder eine Kopfverletzung vorliegt. Studien haben Fälle berichtet, in denen Familienmitglieder einer Person mit entwicklungsbedingter Prosopagnosie – Eltern, Geschwister, Kinder – eine ähnliche Schwierigkeit bei der Gesichtserkennung zeigen. Einige Untersuchungen an erweiterten Familien, einschließlich eineiiger Zwillinge, haben Fälle dokumentiert, in denen mehrere Familienmitglieder Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern erleben.
Dabei geht es allerdings nicht schlicht darum, dass „eine Diagnose der entwicklungsbedingten Prosopagnosie an jedes Familienmitglied weitergegeben wird". Als näher an der Wirklichkeit gilt die Vorstellung, dass die Fähigkeit zur Gesichtserkennung selbst individuelle Unterschiede aufweist, die von vornherein für genetische Einflüsse empfänglich sind.
Was Zwillingsstudien über individuelle Unterschiede in der Gesichtserkennung zeigen
Ein Weg, um zu untersuchen, wie stark genetische Faktoren zur Fähigkeit der Gesichtserkennung beitragen, sind Zwillingsstudien. Indem man die Ergebnisse von Gesichtserkennungstests bei eineiigen Zwillingen, die in derselben Umgebung aufgewachsen sind (und nahezu ihre gesamte genetische Information teilen), mit denen zweieiiger Zwillinge vergleicht (die etwa so viel genetische Information teilen wie gewöhnliche Geschwister), lässt sich auf einen größeren genetischen Beitrag schließen, wenn eineiige Zwillinge einander ähnlichere Werte zeigen.
Solche Zwillingsstudien haben berichtet, dass sich ein Großteil der individuellen Unterschiede in der Fähigkeit zur Gesichtserkennung durch genetische Unterschiede erklären lässt. Das legt nahe, dass die Fähigkeit, Gesichter zu unterscheiden, unabhängig von der Sehschärfe oder der allgemeinen Intelligenz unter einem vergleichsweise starken genetischen Einfluss stehen könnte. Es handelt sich dabei jedoch um einen Befund zu den individuellen Unterschieden in der allgemeineren Fähigkeit, „gut oder schlecht in der Gesichtserkennung zu sein" – er bedeutet nicht, dass für die Prosopagnosie selbst ein bestimmter Erbgang (ein bestimmtes Gen oder Vererbungsmuster) identifiziert worden wäre.
Sie wird nicht „zwangsläufig" vererbt
Hinweise auf einen genetischen Beitrag bedeuten nicht, dass die entwicklungsbedingte Prosopagnosie immer von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird oder dass sie zwangsläufig auch bei anderen Familienmitgliedern auftritt, nur weil eine Person sie hat. Genetische Faktoren gelten als einer von mehreren Beiträgen zu den individuellen Unterschieden in der Fähigkeit zur Gesichtserkennung, und ihre Ausprägung fällt sehr unterschiedlich aus – selbst innerhalb derselben Familie kann der Grad der Schwierigkeit von Person zu Person erheblich abweichen.
Es wird zudem angenommen, dass bei manchen Fällen entwicklungsbedingter Prosopagnosie überhaupt kein genetischer Faktor beteiligt ist oder keine klar erkennbare Ursache vorliegt. Die aktuelle Forschung kann nicht sagen, dass ein bestimmtes Gen oder ein bestimmter Erbgang jeden Fall entwicklungsbedingter Prosopagnosie erklärt. Ein Familienmitglied mit einer ähnlichen Schwierigkeit ist kein Grund, davon auszugehen, dass Sie selbst oder andere Angehörige zwangsläufig denselben Zustand entwickeln.
Wenn Sie mit der Familie darüber sprechen
Quellen und weiterführende Literatur
Die unten aufgeführten Autorinnen, Autoren und Organisationen werden als Quellen für diesen Inhalt angeführt. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Artikel geprüft oder befürwortet haben.
- 01McKone & Palermo (2010) — PNAS: A strong role for nature in face recognition
Ein Beitrag, der auf Grundlage von Zwillingsstudien erläutert, welcher Anteil der individuellen Unterschiede in der Gesichtserkennung durch genetische Unterschiede erklärt wird.
- 02Faceblind.org — About prosopagnosia
Ein Portal, das Forschung zu entwicklungsbedingter Prosopagnosie, genetischen Faktoren und familiären Fällen vorstellt.
- 03Familial Transmission of Developmental Prosopagnosia (PMC)
Eine Studie, die Fälle entwicklungsbedingter Prosopagnosie innerhalb von Familien berichtet, einschließlich erweiterter Familien und eineiiger Zwillinge.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Die vollständige Literaturliste der gesamten Website finden Sie auf der Literaturseite.