Für die entwicklungsbedingte Prosopagnosie gibt es noch kein „Wundermittel“
Für die entwicklungsbedingte Prosopagnosie ist bislang keine Methode etabliert – weder ein bestimmtes Medikament noch ein operativer Eingriff –, die die zugrunde liegende Schwierigkeit bei der Gesichtserkennung heilt. Denn die entwicklungsbedingte Prosopagnosie lässt sich nicht wie eine Hirnerkrankung oder -verletzung auf eine einzelne identifizierbare Ursache zurückführen; man nimmt vielmehr an, dass sie damit zusammenhängt, wie das gesichtsverarbeitende Netzwerk des Gehirns arbeitet und sich entwickelt, und dieser Mechanismus ist noch nicht vollständig aufgeklärt.
Treffender als „es gibt keine Behandlung“ ist die Formulierung: „Eine etablierte Behandlung, die den Zustand grundlegend heilt, befindet sich noch im Forschungsstadium.“ Künftige Forschung kann dieses Bild verändern, doch gegenwärtig existiert keine Methode, die eine endgültige Heilung versprechen könnte.
Bei erworbenen Formen kann die Behandlung der Ursache mitunter zu Besserung führen
Bei der erworbenen Prosopagnosie, die im Anschluss an ein Ereignis wie einen Schlaganfall oder eine Kopfverletzung auftritt, stellt sich das Bild etwas anders dar. Wenn die zugrunde liegende Hirnläsion reversible Faktoren umfasst – etwa eine Schwellung oder Kompression in der Akutphase –, wurde berichtet, dass sich die Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung im Lauf der Zeit und zusammen mit der Behandlung der Grunderkrankung teilweise bessern. Dabei handelt es sich allerdings weniger um eine Behandlung, die auf die Prosopagnosie selbst zielt, als um eine Besserung, die sich aus der medizinischen Versorgung der zugrunde liegenden Hirnerkrankung oder -verletzung ergibt; und sie bedeutet nicht, dass sich jede erworbene Prosopagnosie in gleicher Weise bessert.
Die Forschung zum kognitiven Training schreitet voran, ihre Wirkung bleibt jedoch begrenzt
Die Forschung zum Training der Gesichtserkennung teilt sich grob in zwei Ansätze: das „ganzheitliche Verarbeitungstraining“, das die Fähigkeit stärken soll, ein Gesicht auf einmal als Ganzes wahrzunehmen – die Anordnung von Augen, Nase und Mund –, und das „kompensatorische Training“, das den wirksamen Einsatz anderer Merkmale als des Gesichts übt, etwa Stimme oder Statur. Studien zum ganzheitlichen Verarbeitungstraining berichten von einer gewissen Verbesserung beim Erkennen genau jener Gesichter, die im Training verwendet wurden; in welchem Maß sich dieser Nutzen jedoch generalisiert, also auf neue, nicht trainierte Gesichter überträgt, wird als begrenzt beschrieben.
Dem Training kompensatorischer Strategien wird ein gewisser praktischer Wert als Bewältigungsweg im Alltag zugeschrieben; es übt allerdings den Umgang mit nicht-gesichtsbezogener Information, statt die Fähigkeit zur Gesichtserkennung selbst anzuheben. Beide Forschungslinien stoßen an Grenzen – kleine Teilnehmerzahlen und wenige Studien, die verfolgen, ob Effekte langfristig anhalten –, und systematische Übersichtsarbeiten kommen zu dem Schluss, dass sich noch nicht endgültig sagen lässt, welche Trainingsmethode verlässlich wirkt.
Wie Berichte über „es hat gewirkt“ zu lesen sind
Forschung zur Hirnplastizität und ein ausgewogener Blick nach vorn
Die Fähigkeit des Gehirns, seine Arbeitsweise durch Erfahrung zu verändern, wird „Plastizität“ genannt, und es wird weiter untersucht, ob sich die Aktivität des gesichtsverarbeitenden Netzwerks durch Training oder Erfahrung verändern lässt. Diese Forschung ist wichtig, um mögliche Ansatzpunkte für eine künftige Rehabilitation auszuloten, doch vieles davon befindet sich noch im Stadium der Grundlagenforschung oder früher klinischer Studien und ist nicht als Methode etabliert, die Schwierigkeiten im Alltag verlässlich behebt.
Dass die Forschung vorankommt, ist an sich ein gutes Zeichen – doch „die Forschung kommt voran“ und „eine Behandlung ist etabliert“ sind zweierlei. Realistischer, als auf eine grundlegende Heilung zu warten, ist es derzeit, gut zu leben, indem Sie die andernorts in dieser Reihe beschriebenen Strategien – sich auf andere Merkmale als das Gesicht zu stützen – mit Anpassungen Ihres Umfelds verbinden.
Dem Ganzen ehrlich begegnen
Wenn Ihnen selbstbewusste Behauptungen begegnen, „Training heile es“, lohnt es sich zu prüfen, auf welche Forschung sich die Aussage stützt, ob es um entwicklungsbedingte oder erworbene Formen geht und wie Reichweite und Dauerhaftigkeit eines Nutzens tatsächlich berichtet wurden. Informationen, die zu hohe Erwartungen wecken, können zu echter Enttäuschung und Selbstvorwürfen führen, wenn sie sich nicht erfüllen.
Ehrlich sagen lässt sich derzeit dreierlei: Eine grundlegende Behandlung ist nicht etabliert; bei erworbenen Formen kann die Behandlung der Ursache mitunter zu Besserung führen; und die Forschung zum kognitiven Training geht weiter, doch ihr Nutzen bleibt begrenzt, mit erheblichen Schwierigkeiten bei der Übertragung auf den Alltag. Wenn Sie das beschäftigt, wenden Sie sich besser an eine Fachstelle, die eine ordentliche Beurteilung und Untersuchung anbietet, statt auf eigene Faust eine Trainingsmethode auszuprobieren.
Quellen und weiterführende Literatur
Die unten aufgeführten Autorinnen, Autoren und Organisationen werden als Quellen für diesen Inhalt angeführt. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Artikel geprüft oder befürwortet haben.
- 01Rehabilitation and intervention of developmental and acquired prosopagnosia: A systematic review
Eine systematische Übersichtsarbeit zu Trainings- und Interventionsstudien bei entwicklungsbedingter und erworbener Prosopagnosie, einschließlich einer Erörterung der Grenzen der Wirksamkeit.
- 02The rehabilitation of face recognition impairments: a critical review (PMC)
Eine kritische Übersicht über die Rehabilitationsforschung bei Störungen der Gesichtserkennung, die Herausforderungen wie die Schwierigkeit der Generalisierung behandelt.
- 03Holistic face training enhances face processing in developmental prosopagnosia (PMC)
Eine Beispielstudie, die die Wirkung ganzheitlichen Verarbeitungstrainings bei entwicklungsbedingter Prosopagnosie untersucht.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Die vollständige Literaturliste der gesamten Website finden Sie auf der Literaturseite.