Häufige Symptome
Das Gesicht ist deutlich zu sehen, auch die einzelnen Teile – Augen, Nase, Mund – lassen sich erkennen, und dennoch fällt es schwer zu bestimmen, wem dieses Gesicht gehört. Die Ausprägung ist sehr unterschiedlich: Manche Menschen tun sich schon mit den Gesichtern von Familienangehörigen schwer, andere geraten nur dann in Schwierigkeiten, wenn sie jemanden wiedersehen, den sie erst einmal getroffen haben.
Konkret kann das bedeuten, dass man Familienmitglieder oder Freundinnen und Freunde allein am Gesicht nicht erkennt oder eine Kollegin nicht einordnen kann, wenn man ihr außerhalb der Arbeit begegnet. Ändern sich Frisur, Kleidung oder Brille, fällt es schwer zu beurteilen, ob es dieselbe Person ist; auch Filmfiguren mit ähnlicher Frisur werden häufig verwechselt. Die meisten Betroffenen stützen sich stark auf andere Hinweise als das Gesicht – Stimme, Gang, Kleidung oder den gewohnten Sitzplatz –, um Menschen auseinanderzuhalten.
Der Unterschied zu „Der Name fällt mir gerade nicht ein"
Wenn Sie beim Anblick eines Gesichts merken „die Person kenne ich", Ihnen aber nur der Name nicht einfällt, handelt es sich um ein anderes Phänomen: Meist stockt dabei der Abruf eines Eigennamens – jenes vertraute Gefühl, dass einem etwas „auf der Zunge liegt". Das geschieht auf einer anderen Verarbeitungsstufe als bei der Prosopagnosie, bei der die Zuordnung des Gesichts selbst schwerfällt.
Wenn Sie dagegen immer wieder erst dann wissen, wer vor Ihnen steht, wenn die Person spricht, oder Bekannte außerhalb der gewohnten Umgebung nicht erkennen, kann das eher auf eine Schwierigkeit bei der Gesichtserkennung hindeuten.
Ist es eine Krankheit, wenn man sich Gesichter nicht merken kann?
Die Fähigkeit zur Gesichtserkennung ist von Mensch zu Mensch fließend unterschiedlich ausgeprägt. Allein daraus, dass Schwierigkeiten bestehen, lässt sich nicht auf eine Krankheit oder Behinderung schließen. Für eine Einschätzung werden die Beeinträchtigung im Alltag, der Verlauf seit der Kindheit, mögliche Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns sowie objektive Tests zur Gesichtserkennung zusammen betrachtet.
Man unterscheidet grob zwei Formen: die entwicklungsbedingte Prosopagnosie, die von Geburt an oder seit der frühen Kindheit besteht, und die erworbene Prosopagnosie, die etwa nach einem Schlaganfall oder einer Kopfverletzung auftritt. Es hilft, festzuhalten, seit wann, in welchen Situationen und wie stark die Schwierigkeiten bestehen – diese Notizen sind bei einem Beratungsgespräch nützlich.
Wenn Sie Gesichter plötzlich nicht mehr erkennen
Ein Selbsttest allein liefert keine Diagnose
Der PI20 ist ein Fragebogen, mit dem Sie alltägliche Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung überdenken können. Allein durch Selbstauskunft lässt sich jedoch nicht feststellen, ob eine Prosopagnosie vorliegt. In Forschung und Klinik werden zusätzlich Aufgaben zum Gesichtsgedächtnis und zur Gesichtsunterscheidung, das Erkennen bekannter Gesichter sowie der Verlauf der Beschwerden geprüft.
Quellen und weiterführende Literatur
Die unten aufgeführten Autorinnen, Autoren und Organisationen werden als Quellen für diesen Inhalt angeführt. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Artikel geprüft oder befürwortet haben.
- 01NHS — Face blindness (prosopagnosia)
Ein Überblick über Symptome, Ursachen und im Alltag gebräuchliche Kompensationsstrategien.
- 02Shah et al. (2015) — The 20-item prosopagnosia index (PI20)
Die Originalarbeit zur Entwicklung und Validität des PI20.
- 03Bate et al. (2019) — Self-report of face recognition ability is not enough
Untersucht die Grenzen einer Beurteilung der Gesichtserkennungsfähigkeit allein anhand von Selbstauskünften.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Die vollständige Literaturliste der gesamten Website finden Sie auf der Literaturseite.