Worin die Schwierigkeit bei Prosopagnosie besteht
Im Zentrum der Prosopagnosie steht eine deutliche Schwierigkeit, einzelne Gesichter voneinander zu unterscheiden, die sich weder durch die Sehschärfe noch durch die allgemeine Intelligenz erklären lässt. Die entwicklungsbedingte Prosopagnosie besteht seit der Kindheit; das Wort „entwicklungsbedingt" bedeutet dabei jedoch nicht, dass sie zur selben diagnostischen Gruppe wie ASS oder ADHS gehört. Es beschreibt lediglich den Verlauf: dass die Schwierigkeit mit der Gesichtserkennung im Zuge der Hirnentwicklung entstanden ist.
Unterschiede und Überschneidungen mit ASS
Bei ASS stehen Besonderheiten der sozialen Kommunikation sowie des Verhaltens und der Interessen im Mittelpunkt der Diagnose. Manche Betroffene haben auch Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit für Gesichter, mit Blickkontakt, dem Ablesen von Mimik oder dem Gesichtsgedächtnis, doch die Fähigkeit zur Gesichtserkennung ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Die Forschung geht davon aus, dass die bei ASS beobachteten Besonderheiten der Gesichtsverarbeitung und die spezifische Störung der Gesichtsunterscheidung bei entwicklungsbedingter Prosopagnosie zumindest nicht auf vollständig demselben Mechanismus beruhen. Eine entwicklungsbedingte Prosopagnosie tritt auch bei Menschen ohne ASS auf.
Unterschiede und Überschneidungen mit ADHS
Bei ADHS stehen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität als prägende Alltagsmerkmale im Vordergrund. Dass man sich Menschen schlecht merken kann, kann hier daran liegen, dass man das Gesicht des Gegenübers durch Unaufmerksamkeit nicht genau genug angesehen hat, dass die Aufmerksamkeit beim Nennen des Namens gerade woanders war oder dass sich die Information schlecht im Arbeitsgedächtnis halten ließ.
Bei Prosopagnosie liegt der Unterschied darin, dass es selbst beim genauen Hinsehen schwerfällt, die Merkmale eines Gesichts zuverlässig als eine bestimmte Person zu identifizieren. Beides kann gemeinsam auftreten, doch es gibt keine ausreichende Grundlage für die Aussage, dass ADHS eine Prosopagnosie verursacht oder dass die meisten Menschen mit Prosopagnosie auch ADHS haben.
Halten Sie getrennt fest, worin die Schwierigkeit besteht
Es hilft zu unterscheiden, ob Sie beim Anblick eines Gesichts nicht wissen, ob Sie die Person kennen, ob Sie sie zwar als bekannt erkennen, Ihnen aber nur der Name nicht einfällt, oder ob Sie Ihre Aufmerksamkeit von vornherein gar nicht auf Gesicht und Namen gerichtet haben. Manche erkennen das Gesicht, tun sich aber schwer damit, Mimik und Absichten zu lesen; andere können jemanden zuverlässig einordnen, sobald ein Hinweis wie der Ort oder die Stimme hinzukommt. Je nachdem, auf welcher Stufe die Schwierigkeit auftritt, ergeben sich unterschiedliche Ansatzpunkte für den Umgang damit.
Legen Sie sich nicht auf ein einziges Etikett fest
Quellen und weiterführende Literatur
Die unten aufgeführten Autorinnen, Autoren und Organisationen werden als Quellen für diesen Inhalt angeführt. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Artikel geprüft oder befürwortet haben.
- 01Konishi (2016) — Gesichtserkennung bei Entwicklungsstörungen
Ein Überblicksartikel zur Gesichtserkennung bei angeborener Prosopagnosie und ASS.
- 02Dalrymple et al. (2014) — “A room full of strangers every day”
Ein Überblick über die entwicklungsbedingte Prosopagnosie bei Kindern und ihre Abgrenzung zu anderen Entwicklungsbedingungen.
- 03Hedley et al. (2014) — Autism traits and developmental prosopagnosia
Untersucht den Zusammenhang zwischen autistischen Merkmalen und entwicklungsbedingter Prosopagnosie.
- 04Svart et al. (2022) — Comorbidity in developmental prosopagnosia
Eine Erhebung selbstberichteter Begleitzustände bei entwicklungsbedingter Prosopagnosie, einschließlich einer Diskussion der Grenzen der Studie.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Die vollständige Literaturliste der gesamten Website finden Sie auf der Literaturseite.